„Hol dir deine Daten zurück!“: Julia Reda von der Piratenpartei über Jugendschutz, Videospiele und Zensur

Legt sich mit Datenkraken an und führt die Jungen Piraten zu neuen politischen Ufern: Julia Reda. Foto: Tobias M. Eckrich (Creative Commons)

Legt sich mit Datenkraken an und führt die Jungen Piraten zu neuen politischen Ufern: Julia Reda. Foto: Tobias M. Eckrich ; lizensiert unter CC BY 2.0

Vor einem Jahr hat sie mit der SPD Schluss gemacht: Julia Reda trat 2009 nach sechsjähriger Mitgliedschaft entrüstet aus. Die junge Ex-Sozialdemokratin fand in einem offenen Brief wenig freundliche Worte für die Genossen und argumentierte, dass sie deren „Internetzensur“ nicht mittragen wolle. Hintergrund: Damals hatten im Bundestag die Fraktionen der Union mit der der SPD soeben die „Netzsperren“ gegen die Stimmen von FDP, LINKEN und den Grünen beschlossen.

In der Piratenpartei fand die 24-jährige Studentin der Politikwissenschaft und Publizistik aus Mainz schon bald eine neue politische Heimat. Dort stieg sie in beachtlichem Tempo auf und führt heute als Vorstand der Jungen Piraten (JuPis) die Jugendorganisation der Piratenpartei.

Im Interview mit Junge Politiker verrät Julia Reda unter anderem, warum sie Videospieler für nicht verrückt hält, und wie man sich die eigenen Daten wieder zurückholt.

Junge Politiker: Hallo Julia! Kaum mehr als ein Jahr in einer neuen Partei und schon bist du Chefin deren Jugendorganisation…

Julia Reda: Ja. Im September 2009 wurde ich als Beisitzerin in den Vorstand der JuPis gewählt und im Oktober 2010 dann schließlich zur Vorsitzenden.

Junge Politiker: Die Piraten wollen sich in vielen Dingen abheben von den anderen Parteien. Was ist denn nun so anders bei euch?

Julia Reda: Die JuPis selbst sind ja keine Partei, sondern ein Verein. Das ist schon mal etwas, was uns organisatorisch von vielen Partei-Jugendorganisationen unterscheidet. Im Gegensatz zum Beispiel zu den JuSos, die eine AG innerhalb der SPD sind, sind wir als eigenständiger Verein von der Piratenpartei unabhängig – Mitglieder der Piraten unter 27 werden auch nicht automatisch Mitglied der JuPis. Auf diese Weise ist es uns auch ein Leichtes, in einzelnen Punkten mal von den Positionen der Piratenpartei abzuweichen oder über diese hinaus zu gehen. Zum Beispiel wurde unsere Position zu Jugendschutz und Medienzensur in sehr ähnlicher Form anschließend durch die Piratenpartei übernommen.

Junge Politiker: Wie schafft ihr es, dass die JuPis bzw. die Piratenpartei gerade jüngere Leute besonders anziehen?

Julia Reda: Ich sehe die Hauptaufgabe der JuPis nicht im Schreiben politischer Programme, sondern vor allem darin, Jugendliche in politische Aktionen und Diskussionen einzubringen. Dazu nehmen wir regelmäßig an Infoständen auf Spielemessen und LAN-Parties teil, um mit Gamern ins Gespräch zu kommen und zu zeigen, dass Videospieler keine Verrückten sind, sondern eine bunte Gruppe durchaus politisch interessierter Menschen. Dazu haben wir die Aktion „Ich bin Gamer!“ ins Leben gerufen, mit der wir vom 16.-19. Dezember zum dritten Mal wieder auf der Northcon, der größten LAN-Party Deutschlands, vertreten sein werden.

„Wir klären Schüler auf, wie sie bewusst mit ihren Daten umgehen“

Junge Politiker: Und neben der ganzen Spielerei mischt ihr euch immer wieder in die Tagespolitik ein?

Julia Reda: Für Politikverdrossenheit hatte ich noch nie viel Verständnis. Natürlich sind die Mitwirkungsmöglichkeiten in einer Massendemokratie begrenzt, wenn man einfach nur alle vier Jahre sein Kreuz macht. Dafür kann man aber – nicht zuletzt dank des Internets – schon mit geringen Mitteln eine ganze Menge ändern! Die JuPis führen mir immer wieder vor Augen, wie wir mit einer relativ kleinen Zahl von Aktiven doch eine große Zahl von Menschen erreichen und uns in Debatten einbringen können. So wurden wir etwa von der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz eingeladen, um unsere Kritik an der Neuerung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags zu diskutieren.

Junge Politiker: Stichwort Datenschutz: Da fällt mir die kryptische Abkürzung HDDDZ ein. Für was steht das?

Julia Reda: HDDDZ ist eine weitere Aktion der JuPis: „Hol dir deine Daten zurück“.

Junge Politiker: Nicht wenige junge Nutzer in Sozialen Netzwerken veröffentlichen höchst Privates oder tummeln sich da in kompromittierenden Gruppen wie „Holsten knallt am dollsten“ oder „Ja, sein Name ist Cuba Libre…und wir werden heiraten!“ Wie helft ihr mit HDDDZ den Kids, bei sowas vorsichtig zu sein?

Julia Reda: Was einmal im Netz ist, bleibt oft auch noch dort, auch wenn der ursprüngliche Benutzer die Daten längst gelöscht hat. So einfach es ist, persönliche Informationen über sich im Internet zu veröffentlichen, so schwierig ist es auch, sie später wieder zu entfernen. „Hol dir deine Daten zurück“ ist eine Aufklärungsaktion, die insbesondere an Schüler gerichtet ist und sie in Workshops dabei unterstützt, bewusst mit ihren Daten in Social Networks umzugehen. Damit waren wir sogar schon im ZDF.

Junge Politiker: Was treibt dich persönlich an, Politik zu machen?

Julia Reda: Der Antrieb für meine politische Arbeit ist der Wille, eine für alle Menschen freiere und lebenswertere Gesellschaft zu schaffen, die nicht von irrationalen Ängsten vor Terror und Fremden, sondern von Offenheit und individueller Entfaltung geprägt ist. Jeder Mensch soll nach seiner Façon glücklich werden. Der Staat darf diese Freiheit nur einschränken, um Einschränkungen Anderer zu minimieren. Diese Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe wird bei den Jungen Piraten mehr gelebt als in jeder anderen Organisation, die ich bisher erlebt habe.

Junge Politiker: So macht Politik dir offenbar Riesenspaß?

Julia Reda: Ich ziehe unglaublich viel Motivation aus der täglichen Arbeit mit dieser bemerkenswerten Gruppe von jungen Menschen, die den Geist der Freiheit und Toleranz verinnerlicht haben und Politik als eine spannende Aufgabe ansehen, der sie sich aktiv zuwenden, anstatt in die viel beschworene Politikverdrossenheit zu versinken. Da kann man eigentlich nur optimistisch in die Zukunft blicken.

Junge Politiker: Julia, vielen Dank für das Gespräch!

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