“Wir bekommen viel Zuspruch”: Die DeuKische Generation versucht den Spagat zwischen zwei Kulturen

Von der Idee zum Verein - Die DeuKische Generation will Migranten endlich besser integrieren. Foto: Die DeuKische Generation

Von der Idee zum Verein – Die DeuKische Generation will Migranten endlich besser integrieren. Foto: Die DeuKische Generation

Vor rund 60 Jahren kamen die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland. Damals war geplant, dass sie bald wieder gehen – doch viele blieben. Heute bilden die türkischstämmige Gemeinschaft in Deutschland den größten Anteil an den Migranten hierzulande.

Nun denkt man über den nächsten logischen Schritt nach: türkisch + deutsch = deukisch. Zumindest ein gleichnamiger Verein, die DeuKische Generation, hat sich den Begriff ausgedacht. Dahinter steckt jedoch weit mehr als ein Wortspiel, sondern politische Köpfe, die etwas in der Gesellschaft verändern wollen. Junge Politiker hat nachgefragt, und Serkan Tankir (25) aus dem Vereinsvorstand hat gerne Rede und Antwort gestanden.

Junge Politiker: Hi Serkan, wie seid ihr auf die Idee mit DeuKisch gekommen?

Serkan Tankir: Der Vereinsname setzt sich ja aus den Wörtern deutsch und türkisch zusammen und ist stellvertretend für eine bikulturelle Gesellschaft, deren Früchte in Deutschland sprießen. Unser Verein ist eine Interessenvertretung von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund und wurde aus ureigenem Interesse gegründet. Wir haben damals eine Plattform gesucht, wo wir unsere Sorgen auf sozialer Ebene teilen und Gleichgesinnte treffen konnten, um unsere Visionen von einer besseren Gesellschaft umsetzen zu können. Da es zu der Zeit keinen einzigen Verein gab, der nicht den Interessen einer Partei gefolgt ist, haben wir beschlossen, selbst einen zu gründen. Bis heute sind wir mit keiner Partei verbunden.

Junge Politiker: Was für Ideen und Ziele hat die DeuKische Generation?

Serkan Tankir: Unsere Mitglieder setzen sich aktiv in Zusammenarbeit mit Haupt- und Gesamtschulen für die Förderung und Umsetzung von Chancengleichheit junger Menschen ein. Dafür organisieren wir Workshops für Lehrer, Eltern und Schüler. Als Referenten und Teilnehmer an Fachdebatten nehmen wir Einfluss auf das politische Geschehen und erfüllen als einziger Jugendverein die Rolle des Ansprechpartners für Medien und Öffentlichkeit für Themen, die junge Deutsch-Türken betreffen.

Junge Politiker: Integration ist ein politisches Megathema. Was für Probleme haben wir mit Integration eurer Meinung nach?

Serkan Tankir:  Wir DeuKen sind der Meinung, dass Integration nur mit Willen von beiden Seiten stattfinden kann. Frei nach dem Motto ‘Fordern und Fördern’ versuchen wir Jugendliche mit Migrationshintergrund klar zu machen, was jeder einzelne von sich aus leisten muss, um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Junge Politiker: Wie geht ihr dabei vor?

Serkan Tankir: Wir erzählen von Problemen aus unserem Leben und versuchen dadurch Erfahrungen zu teilen und Wege aufzuzeigen, wie Integration funktionieren kann.

Junge Politiker: Wie könnten wir eine bessere Integration erreichen?

Serkan Tankir: Es gibt keine Formel dafür. Integration ist etwas, was sich situationsbedingt anpassen muss. Man muss die Probleme der Menschen verstehen und angepasste Lösungen finden. Und das geht nur über Dialog. Wir finden, dass dieser Dialog in Deutschland immer noch Mängel aufweist. Es wird immer noch mehr über- als miteinander gesprochen. Das zu ändern wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die hohe Arbeitslosenquote unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Wir fordern von der Gesellschaft mehr Möglichkeiten für diese jungen Leute.

Integration als Schulfach

Junge Politiker: Was passiert, wenn Integration fehlschlägt?

Serkan Tankir: Wir haben viele Jugendliche kennengelernt, die durch ihre schlechte Vergangenheit heute keine Chance mehr haben einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Wir würden uns wünschen, dass diese Jugendlichen eine weitere Chance bekommen sich zu beweisen. Denn wenn wir ihnen nicht die Möglichkeiten bieten, driften diese aus Frust oder Verzweiflung vom richtigen Weg ab. Dadurch entwickeln sie sich zu Problemen für die gesamte Gesellschaft und werden wahrscheinlich Fälle für die Justiz. Unser Ziel ist es das zu vermeiden.

Junge Politiker: Wie ließe sich das anstellen?

Serkan Tankir: Indem Integration auch an Schulen zum Thema wird. Wenn es im Unterricht, zum Beispiel im Fach Sozialwesen, auch um das Thema Integration gehen würde, würde man den Jugendlichen anbieten, von Anfang an Lösungsansätze für ihre spezielle Situation zu erarbeiten. Je früher dieser Prozess gestartet wird, desto besser. Ein weiterer Punkt, den wir fordern, ist Chancengleichheit für Migrantenkinder. Unserer Meinung nach ist Chancengleichheit nach wie vor ein Problem an den Schulen, da immer noch Jugendliche mit nicht-deutscher Herkunft besondere Situationen erleben. Ich kenne Mitglieder in unserem Verein DeuKisch, die nicht auf ein Gymnasium wechseln durften, weil dort anscheinend der “interne Ausländeranteil” schon erreicht wurde. Solche Regeln sind absolut nicht der richtige Weg, um Jugendliche auf gerechte Art und Weise zu fördern – ganz egal, woher sie ursprünglich kommen.

Serkan Tankir aus dem Vorstand der DeuKischen Generation. Foto: privat

Serkan Tankir aus dem Vorstand der DeuKischen Generation. Foto: privat

Junge Politiker: Bildung ist also ein Schlüssel zur Integration?

Serkan Tankir: Natürlich! Jugendliche die gut ausgebildet werden, nehmen die Verantwortung zum Thema Integration stärker an und setzen sich auch als Vorbilder für die Gesellschaft ein. Bildung öffnet Türen.

Junge Politiker: Nun wird Politik, die ja auch einen gewissen Grad an Bildung und gesellschaftlichem Interesse voraussetzt, von nicht wenigen Deutschen aber auch Migranten oft als uncool und wenig erfolgversprechend angesehen. Warum ist das eurer Ansicht nach so?

Serkan Tankir: Es gibt sehr wenige Politiker in unserer Gesellschaft, die sich wirklich mit den Umständen der Migranten beschäftigen. Wir sehen immer noch viele Politiker, die ihre Entscheidungen auf veraltete oder realitätsferne Statistiken aufbauen. Das verärgert die Jugendlichen und lässt sie das Interesse an aktiver Politik verlieren. Deswegen versuchen wir als Verein, mit unserer Stimme, genau diesen Missstand bei Diskussionen, Gesprächen oder Konferenzen auszumerzen und die Meinung der Menschen zu vertreten, um die es letztendlich geht. Ein weiterer Punkt ist das Gefühl einer Trägheit bei der Umsetzung von Beschlüssen seitens der Politik. Die Jugendlichen fordern direkte Umsetzung auf das reale Leben – wobei man natürlich auch sagen muss, dass es manchmal auch nicht so leicht ist, Dinge in den Alltag der Menschen umzusetzen.

Junge Politiker: Du bist der Medienbeauftragte und IT-Verantwortliche im Vereinsvorstand. Warum bist du selber zu DeuKisch gekommen?

Serkan Tankir: Ich bin geboren und aufgewachsen im Herzen von Berlin. Nach meinem Studium habe ich angefangen im IT-Management einer Bank in Frankfurt zu arbeiten. Zu DeuKisch bin ich Anfang 2010 durch eine Freundin gestoßen, die bis heute auch aktives Mitglied im Verein ist. Sie hat mir damals als erste von der Vereinsidee erzählt. Durch viele negative Erlebnisse in meinem eigenen Leben, habe ich die Message von DeuKisch auf Anhieb verstanden und wollte auch etwas dazu beitragen die sozialen Umstände zu verändern. Seit meinem Beitritt versuche ich mit allen Möglichkeiten, die mir persönlich zur Verfügung stehen, auch dem Verein und dadurch den Kids da draußen zu helfen.

“Wir glauben an das Gute im Menschen”

Junge Politiker: Was sind das für negative Erfahrungen, die du schildern kannst und aufgrund derer du politisch tätig bist?

Serkan Tankir: Ich persönlich habe ja auch einen Migrationshintergrund, welchen ich auch öfters als Nachteil zu spüren bekommen habe. Als Beispiel kann ich nennen, dass ich in Berlin auf offener Straße von der Polizei angehalten und überprüft wurde, weil ich als einer, der optisch in das Profil passt, zur falschen Zeit am falschen Ort war. Vergleichbare Geschichten von anderen Freunden zeigen auch, dass das leider keine Seltenheit auf Deutschlands Straßen ist. Nichtsdestotrotz habe ich nie meine Motivation verloren, gegen Vorurteile anzukämpfen. Denn letztendlich glauben wir an das Gute im Menschen und an die multikulturelle Mehrheitsgesellschaft in Deutschland.

Junge Politiker: Macht ihr in dem Zusammenhang auch Aktionen mit dem Verein?

Serkan Tankir: Derzeit läuft unser Projekt “Youth 4 All” an einigen Schulen in Berlin. Dies sind Workshops an Schulen von uns Jugendlichen für Jugendliche. Durch unsere Arbeit an den Schulen zusammen mit den Lehrern und Eltern, schaffen wir es als Vorbilder die Schüler zu motivieren und als Vermittler die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern zu verbessern. In den letzten Jahren haben wir als Verein schon sehr viele Projekte erfolgreich durchgeführt und wurden für einige auch mit Preisen ausgezeichnet. Diese Preise und das Feedback der Jugendlichen sind Motivation genug, um in der Zukunft noch viele tolle Projekte zu starten. Des weiteren möchte ich sagen, dass wir jederzeit bereit sind Kooperationen mit anderen Vereinen zu starten, um noch mehr Menschen helfen zu können.

Junge Politiker: Was sind die Reaktionen der Leute auf eure Vereinsarbeit?

Serkan Tankir: Die sind mit überwältigender Mehrheit positiv. Wir bekommen viele Mails mit Zuspruch und Motivationswünschen aus allen Schichten. Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. In dem Zusammenhang kann ich unseren Bundespräsidenten Christian Wulff nennen, der sich sehr für unsere Arbeit interessiert und uns auch dabei unterstützt weiter aktiv mitzumischen. Darüber hinaus haben wir eine Vielzahl von Menschen aus Medien, Sport und Politik, die unsere Idee klasse finden und uns als Unterstützer zur Seite stehen. Wir haben aber auch viele Nachrichten mit rassistischen Aussagen bekommen, die uns traurig gemacht haben aber uns zeigen, dass noch viel Arbeit vor uns liegt.

Junge Politiker: Seht ihr euch als selber als Politiker?

Serkan Tankir: Nein, dazu fehlt uns die professionelle Ausbildung. Aber wir versuchen auf Augenhöhe mit Politikern zu diskutieren und haben auch schon durch viele Gesprächsrunden politische Erfahrung gesammelt. Ich kann mir trotzdem sehr gut vorstellen, dass einige von uns in Zukunft wichtige politische Stellen besetzen könnten.

Junge Politiker: Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Infos: www.deukische-generation.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>