Busen, Blumen und Buhrufe: FEMEN Aktivistin Josephine Witt kämpft lautstark gegen politische Machos

FEMEN Aktivistin Josephine Witt. Foto: Femen Germany

FEMEN Aktivistin Josephine Witt. Foto: Femen Germany

Barbusiger Protest: FEMEN wurde vor rund fünf Jahren in der ukrainischen Hauptstadt Kiew als feministische Gruppe gegründet und ist bereits weltbekannt. Mit medienwirksamen Provokationen mit viel Haut und noch viel mehr Geschrei bei Veranstaltungen von mächtigen Top-Politikern wie Wladimir Putin oder Angela Merkel (s.u.) haben die streitbaren Mädels schnell internationale Schlagzeilen gemacht.

Junge Politiker sprach mit Femen-Aktivistin Josephine Witt (20), die für eine FEMEN-Aktion in Tunesien sogar ins Gefängnis musste, über politischen Sextremismus.

Junge Politiker: Hi Josephine. Wie kann man (bzw. frau) bei euch Mitglied werden und was muss man für FEMEN für Eigenschaften mitbringen?

Josephine Witt: Ich wurde im Februar Mitglied, nachdem ich mich per Mail gemeldet hatte. Es gab ein Kennenlerntreffen in Hamburg und in Berlin und kurz darauf schon die erste Aktion. FEMEN zeichnet sich über die topless-Aktionen aus, die FEMEN-Strategie des „Sextremismus“. Man muss also dazu motiviert sein, an diesen Aktionen teilzunehmen, wenn man sich bei uns meldet. Es kann gut sein, dass man damit eine Festnahme und eine Anzeige riskiert.

Junge Politiker: Wie viele Mitglieder hat FEMEN derzeit? Ich nehme stark an, dass nur Frauen bei euch sind oder können auch Männer für die Rechte der Frauen streiten?

Josephine Witt: Weltweit gibt es über 200 Frauen, die an Aktionen teilgenommen haben und viele, die unsere Aktionen unterstützen. Wir haben viele FEMEN Gruppen – in Kanada, Schweden, Holland. Seit kurzem auch in der Türkei. Vor ein paar Wochen wurde ein Trainingszentrum in Spanien eröffnet. Das Hauptquartier liegt in Paris, wohin auch viele FEMEN-Gründungsmitglieder aus der Ukraine fliehen mussten, als es dort zu gefährlich für sie wurde.
In Deutschland gibt es uns seit etwa einem Jahr, und wir haben zur Zeit um die zwanzig aktiven Teilnehmerinnen. Es ist einleuchtend, dass ein feministischer Topless-Protest nur mit weiblichen Oberkörpern Sinn macht. Es gibt aber auch Männer, die uns unterstützen, zum Beispiel als Fotografen oder mit kreativen Ideen. Wir sind keineswegs der Meinung, dass Feminismus nur  Frauen-Sache ist.

Junge Politiker: Was sind eure Ziele?

Josephine Witt: Wir sind alle zu FEMEN gekommen, weil wir gemerkt haben, dass es ein starkes Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen gibt, und uns der klassische theoretische Feminismus nicht genügt. Unsere Wut war groß genug, um für unsere Ziele Tabus zu brechen. Wir können eine weltweite Ungerechtigkeit gegenüber Frauen nicht ignorieren, die sich immer wieder durch religiöse Traditionen, sexistische Rollenverteilung, Diktaturen und der Sexindustrie offenbart, und Opfer bringt. Noch nie gab es so viele Sklaven auf der Welt, und ein großer Teil von ihnen sind Sexsklavinnen. Überall in der Welt ist die systematische Ausbeutung der Frau durch Prostitution manifestiert. Anstatt diese Umstände anzuprangern wird in Deutschland die Arbeit der Menschenhändler durch ein absurdes, realitätsfernes Prostitutionsgesetz 2002 noch dazu erleichtert.

„Es geht darum, nackten Brüste eine politische Bedeutung zu verleihen“

Junge Politiker: Ihr nutzt Nacktheit als politische Waffe. Was sind die Vorteile? Nur Aufmerksamkeit?

Josephine Witt: Als FEMEN in Kiew zum ersten Mal topless protestierten, geschah das nicht zu dem Zweck Aufmerksamkeit zu generieren. Aber natürlich spielte ihnen der „Topless-Effekt“ medienwirksam in die Karten. Das haben sie erkannt und weiter damit experimentiert, bis die Taktik des „Sextremismus“ entwickelt war. Es ist aber nicht das Mittel-zum-Zweck. Es geht darum, nackten Brüste eine politische Bedeutung zu verleihen, um diese dann für die Interessen der Eigentümerin dieser Brüste einzusetzen. Nackte Hintern, nackte Brüste, nackte Frauen gibt es, wo das Auge hinblickt, doch die Frau ist entblößt, um damit den Interessen anderer zu dienen. Wir aber wollen die Kontrolle über unseren Körper zurückerobern. Und wir wollen nicht darauf warten, bis jemand kommt und uns das Recht dazu erteilt. Wir nehmen uns das Recht dazu selber.

Junge Politiker: Wird mit dieser Methode aber nicht genau der mediale Voyeurismus bedient, der der anti-voyeristischen Einstellung von FEMEN widerspricht?

Josephine Witt: Die Medien sind voyeuristisch und verkaufen das, was sich verkaufen lässt. Daran werden auch wir nichts ändern. Unsere Art des Pop-Feminismus trifft den Nerv der Zeit und muss sich offensichtlich blendend verkaufen. Immer wieder kommen die Medien auf uns zu und wollen Artikel schreiben, Interviews führen, Reportagen drehen. Immer wieder werden wir aber auch mit vorgetäuschter Besorgnis gefragt, was wir denn täten, wenn sich der „Topless-Effekt“ abnutzen würde. Ich kann darüber nur lachen und finde es absurd, wenn Leute meinen, meine Brüste könnten sich „abnutzen“, nur wenn der Chefredakteur der Bild-Zeitung keine Artikel mehr über FEMEN schreiben lässt.

Junge Politiker: Ich habe gehört, ihr veranstaltet richtige Lehrgänge, um Veranstaltungen zu „stürmen“? Was lernt ihr da und wer bringt euch den Umgang mit professionellen Sicherheitsleuten bei?

Josephine Witt: Sextremismus bedeutet: Wir wollen den Mächtigen, die für mehr Gleichberechtigung sorgen könnten, sich darum aber einen feuchten Kehricht scheren und sich stattdessen als Sexisten, Patriarchen und Machos zeigen, unsere Wut und Kritik direkt und ohne Umwege ins Gesicht schreien. Dafür müssen Hindernisse genommen werden und dazu gehören auch die Bodyguards und Sicherheitsleuten. Die Gründerinnen von FEMEN wurden alle schon über hundert Mal festgenommen und haben viel Erfahrung damit. Es ist wichtig, dass wir die Grenzen des friedlichen Protests nicht überschreiten, aber immer wieder unser Potenzial ausschöpfen. Alexandra Shevchenko hat uns Anfang des Jahres für ein paar Monate besucht und uns Taktiken beigebracht, im Sommer gab es ein internationales Trainings-Camp in Paris, zu dem einige auch aus Deutschland angereist sind. Und wir machen unsere eigenen Erfahrungen und geben sie untereinander weiter.

Junge Politiker: Was habt ihr persönlich erlebt bei euren Aktionen? Inwieweit sind FEMEN-Aktionen wie in Tunesien auch gefährlich, da dort ja deswegen eine Gefängnisstrafe für die Femen-Mitglieder droht?

Josephine Witt: Ich war bei dem Protest in Tunesien dabei und saß 29 Tage in tunesischer Haft. Wir sind ein sehr großes Risiko eingegangen und hatten gehofft, innerhalb 24 Stunden aus dem Land abgeschoben zu werden. Stattdessen hat man versucht an uns ein Exempel zu statuieren. Die FEMEN Gruppen haben weltweit Aktionen durchgeführt, um die tunesische Justiz unter Druck zu setzen. Als sich sogar die EU dazu äußerte, dass in Tunesien menschenrechtsverletzende Gesetze herrschen, sich Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch einschalteten, musste man uns freilassen. Amina Tyler, die tunesiche FEMEN Aktivistin, für die wir ursprünglich protestiert hatten, wurde einen Monat später aus dem Gefängnis entlassen.

Junge Politiker: Wie lässt sich eurer Engagement bei Femen mit euren Jobs vereinbaren? In der oft noch Männer-dominierten Berufswelt stelle ich mir Vorbehalte vor?

Josephine Witt: Eine Aktivistin in Deutschland hat ihren Job durch ihr Engagement verloren, Freiberuflerinnen unter uns haben ein toughes Zeitmanagement zu bewerkstelligen. Wie sich mein FEMEN Engagement bei meiner Job-Suche in der Zukunft auswirken wird, wird sich zeigen. Vielleicht hat sich die Arbeitswelt dann ja schon zum Positiven verändert.

Junge Politiker: Danke für das Gespräch, Josephine.

2 Gedanken zu „Busen, Blumen und Buhrufe: FEMEN Aktivistin Josephine Witt kämpft lautstark gegen politische Machos

  1. Kaiser, Volker

    Schon die letzte Aktion am Kölner Dom zeigt das „Niveau“ dieser verwirrten Geister.
    Haben die auch mal daran gedacht das dort Kinder anwesend sein könnten, oder reicht der Verstand nur soweit um „Titten“ zu zeigen, dafür gibt es allerdings geeignetere Möglichkeiten in diversen Clubs.
    Und wie man hier wieder verniedlichend von „Aktivistin“ schwadroniert, zeigt lediglich die unrealistische Einschätzung seiner selbst.
    Hier sollte Paragraph 167 StGB angewendet werden, ich hoffe es kommt zur Anzeige.

    1. Martin

      Um anwesende Kinder sind Sie besorgt? Warum? Wieviele Kinder sind durch ein paar „gezeigte Titten“ ums Leben gekommen, anstatt durch religiösen Extremismus, Diktaturen, Elendsprostitution oder kapitalistische Ausbeutung?

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